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Reichspogromnacht, 9. November 1938
"Du musst Dich damit auseinandersetzen"
- Gedanken zum Holocaust
Von Herbert Taeubert und Udo
Zawierucha
Im Bemühen, eine schwere Schuld zu bewältigen,
ist es angebracht, sich der Geschichte zu erinnern und ihrer zu
gedenken. Tief sind die schmerzenden Wunden. Angesichts des Gedenkens
an die Pogromnacht vor 70 Jahren scheint es uns an der Zeit, die
Ergebnisse einer langjährigen Forschung zu diesem Thema vorzustellen.
Immer wieder wurde die Frage gestellt, wie
es möglich sein konnte, dass das Volk der Dichter und Denker
jüdische Mitbürger, die ja nicht unerheblich in allen
Bereichen das gesellschaftliche Leben in Deutschland mitgestaltet
haben, derart konsequent aus dem öffentlichen Leben ausschließen,
dann verfolgen konnte und schließlich in Konzentrationslagern
getötet hat? Das deutsche Volk muss als Konsequenz daraus noch
immer mit der Schande leben, ein Volk ehrloser Mörder zu sein,
während das jüdische Volk einen hohen Blutzoll hat zahlen
müssen. Es einfach als eine sinnlose Tat abzutun hilft niemandem
weiter und entspricht auch keinesfalls dem hohen wissenschaftlich-technologisch-
und literarisch-künstlerischem Stand, auf dem sich Deutschland
zu jener Zeit bewegte. Es muss etwas übersehen worden sein,
etwas, dass unsere bisherige Vorstellungskraft übersteigt.
Es kann nicht sein, dass wenige politische Ereignisse genügten,
um ein Programm der Judenvernichtung anzustoßen, das seit
Luther fertig in den Büchern dokumentiert war und mithin über
400 Jahre auf seine Ausführung wartete. Es muss einen Grund
dafür geben, warum gerade damals und nicht erst heute oder
vor 200 Jahren. Etwas musste geschehen sein, das die Ereignisse
ins Rollen brachte. Um diesen Zusammenhang zu finden, hatte Herbert
Taeubert vor vierzig Jahren sich auf die Suche begeben.
Das, was in jener Zeit, in den 30er und 40er
Jahren und auch an jenem denkwürdigen Novembertag 1938 geschehen
war, zeichnete sich durch Aggressivität und Zerstörungswut
aus. Genau diese Merkmale finden sich wieder in der Methode der
Atomspaltung und im Umgang mit Mikroorganismen. Die in physikalisch-
und medizinisch-technischen Laboren durchgeführten Experimente
und Untersuchungen führten schließlich zum Bau der Atombombe
und zur Entdeckung und Entwicklung von Antibiotika. Wer sich einmal
auf die Ebene der Atome und Mikroorganismen begeben hat und die
dort stattfindenden Prozesse auf sich wirken lässt, empfindet
die Parallelen mit den zu jener Zeit stattfindenden Prozessen systematischer
Judenverfolgung und -vernichtung, den zur gleichen Zeit stattfindenden
massiven Kriegsereignissen, mit dem Bombenterror über bewohnte
Städte und der Einkesselung und Gefangennahme einer ganzen
Armee wie in Stalingrad. Aus dieser Sicht bot sich eine Parallelität
der Ereignisse an, die dazu führte, einen Destruktionstransfer
zwischen unterschiedlichen Wirklichkeitsbereichen anzunehmen. Die
Bestrafung von Juden und Deutschen durch Verfolgung und Krieg ist
der sichtbare Hinweis auf die Unfähigkeit im Erkennen der Natur
durch eine Wissenschaft, die nur den Menschen kennt und alle anderen
Formen des Lebens bereitwillig für seine Interessen zerstört.
Deutsche und Juden waren mit der Atomspaltung und der Relativitätstheorie
ihre Erfinder, der Rest der Wissenschaft ihre Handlungsgehilfen.
Der Supergau der Materiezerstörung fand annähernd zeitgleich
zum 9. November 1938 statt, der hier zur Erinnerung steht. Otto
Hahn hat gerade sein Experiment der Atomspaltung von Uran erfolgreich
durchgeführt. Er verlässt sein Labor in Berlin-Wannsee,
und bestimmt wundert er sich über die brennenden Synagogen.
Er kann nicht auf den Gedanken kommen, dass seine Experimente, seine
Arbeit, der Grund dafür sind, dass seine Umwelt in die Flammen
aufgeht, die aus den zerstörten Atomen als Kernspaltungsenergie
frei wurden.
Heute, also 70 Jahre später, sind wir
auch aufgrund ökologischer Katastrophen zu der Erkenntnis verdammt,
dass der Mensch in die Natur eingebunden ist, dass wenn er sie zerstört,
er sich selbst zerstört. Diese Erkenntnis ist bisher auf ökologische
Prozesse beschränkt, der 9. November 1938, der darauf folgende
Holocaust und der zweite Weltkrieg haben gezeigt, dass auch die
bislang als leblos bezeichnete Materie der Radioaktivität für
den Bau von Atombomben oder Kernreaktoren oder die biologischen
Antibiotikakulturen nicht leblos sind, sondern in einem engen Zusammenhang
mit dem Menschen stehen. Ihre gnadenlose Zerstörung in wissenschaftlich-technischen
Laboratorien, durch das Militär oder Kernkraftwerksbetreiber
lieferte einen plausiblen Hinweis auf die mit zahlreichen Menschenopfern
verbundenen Konflikte und kriegerischen Auseinandersetzungen in
der menschlichen Lebenswelt.
In Kirchen und Synagogen wird heute der jüdischen
Opfer in den KZs gedacht. Christliche Glaubensgemeinschaften lehren
die Vergebung. Wenn wir es damit Ernst meinen, so sollten wir uns
dem Verstehen des Holocausts und des Krieges als Katastrophe der
Wissenschaft stellen. Die mit dem Bau der ersten Atombomben und
der Gewinnung der ersten wirklichen Heilmittel bei Infektionskrankheiten
aus Antibiotakakulturen verbundenen Menschenopfer trafen alle Menschen,
die in diesen Krieg mit hineingezogen wurden. Täter und Opfer
sind gleichermaßen nur noch Opfer einer technologischen Maschinerie,
deren Theoretiker meinten, Atome seien nichts weiter als leblose
Steine, Zellen x-beliebige Organismen, obgleich doch der Mensch
aus beidem besteht.
Das Gedenken an die Reichspogromnacht in Gotteshäusern
führt uns noch zu einem weiteren Aspekt. Es ist ja nicht irgendein
Volk, dessen Opfer wir an diesem Tag gedenken; es ist ja nicht irgendein
Volk, dessen Schandtaten wir dabei mitgedenken. Die Juden bilden
das seit alters her auserwählte Volk Gottes; die Deutschen
werden als das Volk der Dichter und Denker bezeichnet. Noch im Ersten
Weltkrieg kämpften Juden als Deutsche Soldaten und fielen als
solche, wie die Soldatengräber auf dem jüdischen Friedhof
in Weißensee noch immer belegen. Juden waren Deutsche, ein
gemeinsames Volk mit unterschiedlichem Glauben. Wäre Holocaust
eine Natur des Menschen, womöglich nur der Deutschen, so müssten
heute auch die eingebürgerten Türken in Deutschland bald
Angst haben, irgendwann von Deutschen vernichtet zu werden, wenn
nur ein ordentlicher Diktator es befiehlt. Ihre Integration, selbst
nach hunderten von Jahren, wäre nur eine Falle gewesen.
Wer will da noch erzählen, dass die Ereignisse
im Dritten Reich mit rechten Dingen zugegangen sind? Mit den Juden
kommt Gott ins Spiel. Eine Katastrophe hat stattgefunden. Eine unbedachte
Technologie hat ein Verbrechen der Wissenschaft an der Natur ausgelöst,
das sich als Verbrechen des Menschen am Menschen auswirkte. Wie
anders kann eine der Willkür des Menschen ausgelieferte Lebensform
seine Grenze zur Unverletzlichkeit aufzeigen, als dass durch eine
Grenzüberschreitung der Mensch den Menschen tötet?
Durch die gerade erfundene Rundfunk-Massenpropaganda
wurden die Deutschen darauf vorbereitet und eingestimmt, sich selbst
und die Juden zu opfern. Ein Hitler war kein Wahnsinniger. Vielleicht
ist er es später geworden, denn kein Massenmörder bleibt
unbeschadeten Geistes. Hitler hat sich stets als Geschöpf der
Vorsehung präsentiert. Leider war er das wirklich - ein geleitetes
Organ zur Ausführung einer Vergeltungkausalität, deren
Wirkungsweise sichtbar wurde, indem durch den überheblichen
Blick des Menschen auf alles Außermenschliche der Missbrauch
der Natur betrieben wurde. Es ist bekannt, das die Nazi-Eliten ihr
Gewissen erleichterten, indem sie in der indischen Lehre der Bhagavadgita
Zuflucht nahmen. Dort spricht man von einer höheren Weisung,
die über ihnen als Ausführende steht. Sie befiehlt den
Tod, andere führen ihn nur aus. Damit waren sie in der Lage,
ihre Taten als Befehl zu legitimierten. Befehlsverweigerung, wie
wir sie heute kennen, war damals für Deutsche unmöglich.
Erst Mahadma Ghandi hat den passiven zivilen Ungehorsam als politisches
Instrument entwickelt. Ohne es zu wissen, sprachen die Atomwissenschaftler
durch die Spaltung und Massenvernichtung des Atoms und den ersten
Experimenten mit Antibiotikakulturen sowohl das Todesurteil über
die Juden als auch über den Rest der Welt aus. Die Nazis und
Hitler waren nur ihr ausführendes Organ.
"Du musst Dich damit auseinandersetzen",
fordert die Beschäftigung mit der Vergangenheit. Kann die Gegenwart
das Ergebnis verkraften, den Führer als ordentliches Werkzeug
einer Macht zu sehen, die Wissenschaftler frei gesetzt haben?
Die Vernichtung der Juden erfolgte nicht,
weil nach Nietzsche ihr Gott tot sei und sie deshalb keine Berechtigung
zum Leben mehr hätten, sondern weil ihr Gott bei der Atomspaltung
getötet wurde und sie seit jeher auserwählt waren, bei
seinem Tod gemeinsam mit ihm zu sterben. Ein Volk stirbt nicht mit
Gott, wenn seine Männer im Krieg als Helden fallen. Auch das
Ende der Katastrophe gibt zu denken. Nach der Vollendung der Vernichtung
von Materie durch die Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki
wurden Belohnung und Strafe entsprechend verteilt. Die Physiker
und Mediziner bekamen ihren Nobelpreis in Stockholm, die Nazis erhielten
ihr Todesurteil in den Nürnberger Prozessen.
Der atomar vernichtete Teil Gottes ist längst
wiederauferstanden und mächtiger denn je. Zehntausende mit
Plutonium gefüllte Atombomben bedrohen die Welt, warten auf
den Moment der Rache. Wäre der Zusammenhang des Volkes Israel
mit dem Plutonium kein höheres Gesetz, wodurch sicher gestellt
ist, dass bei Vernichtung des Plutoniums als globaler Atomkrieg
auch das Volk Israel untergehen wird, wäre die Rache längst
erfolgt.
Stattdessen trifft die Rache des Plutoniums
ein Land, das bestimmt nichts mit Juden zu tun hatte: Japan. Das
zeigte, dass Rache eine globale Form angenommen hat, Deutsche nicht
doppelt bestraft würden. Sie sind bestraft genug, haben genug
bezahlt.
"Du musst Dich damit auseinandersetzen"
fordert, dass wir uns mit der Reichskristallnacht und allen Folgen
beschäftigen. Die Frage aber lautet: können wir mit der
Tatsache leben, dass die Naturwissenschaften aus mangelndem Seinsverständnis
Verbrechen begeht und erzeugt?
Das Opfer von 6 Millionen jüdischen Menschen
in Deutschen Konzentrationslagern kann nach 70 Jahren in einem einzigen
Satz zusammengefasst werden: Vernichtet der Mensch die Natur oder
die Schöpfung, vernichtet der Mensch den Menschen.
Die Katastrophe mit den drei Gesichtern, macht
es unumgänglich, die Dokumentation des Holocausts als eine
geschichtliche Tatsache um zwei wichtige, damit aufgrund ihrer Synchronizität
verbundene Bereiche der wissenschaftlichen Praxis zu erweitern:
Atomtechnik und Biotechnologie. Die Deutschen können keine
Schuld anerkennen, weil sie damit die Täter, ihre Mütter
und Väter, verdammen müssten. Wir können den Opfern
nur vergeben, wenn den Tätern auch vergeben wird. Bisher war
das Opfer der Juden sinnlos. Jetzt ist ihr Opfer und das von 50
Millionen Kriegstoten im Zweiten Weltkrieg als Preis für die
Entwicklung von Atomkraft, Penicillin und Streptomycin sichtbar
geworden. Wir benötigen nur noch die Bereitschaft, zu vergeben.
Es bleibt nicht mehr viel Zeit, denn schon jetzt ist zu erkennen,
dass größere Aufgaben auf uns warten. Der Kampf des Menschen
mit der Natur, um Energie, Gesundheit, Heilmittel und soziale Gerechtigkeit
ist noch lange nicht zu Ende. Neue Technologien wie Atomfusion,
Gentechnik und Materiekollisionen mit höchster Zerstörungskraft
warten auf ihren Einsatz. Hier liegt die Aufgabe der Zukunft: Katastrophen
wie die eines neuen Holocausts oder einer weltweiten Verelendung
durch ein tieferes Verständnis unserer materiellen Bedingungen
und Bedingtheiten zu verhindern.
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